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Der Schmerzensreiche ermittelt in Aristo-Kreisen

Ausgerechnet ins Café Monarchie in der Nußdorfer Straße musste es den Schmerzensreichen verschlagen, wo er den Alsergrund doch so hasste.

Der Länge nach lag hier, gleich beim Eingang, vor der Tortentheke ein sichtlich Toter hingestreckt.

 

Hinzu kam jetzt der Forensiker Franz Zoidl:

„… da hat wohl jemand das Rudolf-Buch vom Novak nicht so geschätzt …“

Der Schmerzensreiche nickte nur.

 

Nervös fuchtelnd trat eine auftoupierte Dame auf:

„… nach seinem Vortrag hat er noch über die – zweifellos – unumstößlichen Gründe für den Selbstmord des Thronfolgers philosophiert …“

„… und Sie sind …?“

„Verzeihen Sie, mein Name ist Faráh, ich bin die Obfrau der Schwarz-Gelben Union.“

„… der was …?“

„… ja, unser Ziel ist es, hierzulande die Monarchie – mit demokratischen Mitteln wohlgemerkt – wieder einzuführen …“

Bitte nicht!, flehte der Schmerzensreiche insgeheim.

 

Unaufgefordert fuhr die Dame mit dem bemerkenswerten Kopfschmuck fort:

„… nach seinem grandiosen Vortrag genehmigte er sich eine Monarchie-Torte … da fällt mir ein: er sagte noch: ,die schmeckt heutʼ aber komisch‘ …“

 

Die Schwarz-Gelben Unionisten hatten sich um den Toten versammelt. Da war eindeutig die Loden-Fraktion im Überhang.

„… und ich bestehʼ dʼrauf … es war kein Selbstmord!“, insistierte da ein Grandseigneur mit aufgezwirbeltem Oberlippenbart.

„… und Sie sind …?“, fragte der Schmerzensreiche genervt.

„Pardon!“, schlug dieser die Hacken zusammen, „Graf Stollenberg-Stollenberg … aber: es weiß doch ein jeder: das waren die Russen!“

 

Eine Dame mit schwerem russischem Zungenschlag hielt dagegen:

„… aber ich bitte Sie, verehrter Graf, das war der vermaledeite Albion … die Engländer … das waren doch die Engländer … und dazu gleich mit die Arminius-Society …“

„… Verzeihen, Eure Durchlaucht …“, fuhr die schwarz-gelbe Obfrau dazwischen, „genauso gut hätte es Frankreich, der Erbfeind, sein können …“

 

Aus dem Augenwinkel beobachtete der Schmerzensreiche einen „Aristo“, der in seinem Loden-Frey-Janker nervös nestelte.

Mit einem Satz sprang der Schmerzensreiche auf diesen zu – und umfasste sein Handgelenk.

„… und Sie sind …?“

„… Wolfang Löffler-Wurmbrand …“

Der Schmerzensreiche fasste in die Sakkotasche des Herrn, der sich blasiert-nasal echauffierte:

„Frechheit! Was erlauben Sie sich …?“

 

Der Schmerzensreiche fischte ein Döschen darauf ein liebliches Engels-Motiv aus dem Jacket – und fragte vorwurfsvoll:

„… und was ist das …?“

Der Herr schwieg.

 

Der Schmerzensreiche öffnete die Pulverdose und schnüffelte daran – den Geruch kannte er: Morphin – das schnupfte er, fein dosiert, gegen seine Gicht-Schmerzen.

„Morphin!“, spöttelte der Schmerzensreiche, „damit hätten Sie einen Elefanten zur Strecke bringen können … aber: wieso?!“

 

Der Herr fasste sich, das Erstaunen seiner Adelsgenossen der Schwarz-Gelben Union ließ ihn komplett kalt.

„… nun: laut Bratfisch …“

„… dem gewesenen Fiaker von Kronprinz Rudolf …“, ergänzte der Schmerzensreiche.

„… und der Bratfisch hat es meiner Urgroßmutter zugetragen, hat es sich so abgespielt: Der Graf Stockau, und auch Alexander Baltazzi reisten ihrer Nichte – der Vetsera – nach Mayerling nach: dort zwangen sie Rudolf – mit vorgehaltener Pistole – einen Thronverzicht zu unterschreiben, zu Gunsten von Erzherzog Franz Ferdinand …"

 

Die Aufruhr unter den Monarchisten missachtend, setzte Wolfgand Löffler-Wurmbrand fort:

"... doch Rudolf weigerte sich … im darauffolgenden Handgemenge wurde der Kronprinz erschossen, und dabei unglücklicherweise auch die Baronesse, die sich vor Rudolf schob … und die Hof-Kamarilla hat das verschleiert … weil es gar zu blöd war, dass der Thronfolger so mir-nix-dir-nix erschossen werden konnte …“, überschlug es Löffler-Wurmbrand die Gedanken.

„… und was hat das mit Herrn Novak zu tun?“, fragte die Obfrau.

„… na, der hat mir die Frau ausgʼspannt …“

 

Nur den hartgesottenen Monarchisten verdrehte es jetzt den Magen nicht. Der Schmerzensreiche freilich begab sich auf die Toilette des Café Monarchie, um sich dort mit dem Morphin gütlich zu tun – als er später der Runde um den Toten entgegenschwebte, hatten sich sämtliche Schmerzen (zumindest für jetzt) grußlos verabschiedet.

 

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