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#124: PREYER: Eine neue Chemie-Realität in Helmstedt

Grundstoff aus der Region: Wie in Helmstedt eine neue Chemie-Realität entsteht

 

Während sich der US-Chemiekonzern Dow schrittweise aus Niedersachsen zurückzieht und auf politischer Ebene bereits über staatliche Beteiligungen oder eine Fortführung einzelner Anlagen diskutiert wird, um die Versorgung mit kritischen chemischen Grundstoffen sicherzustellen, entsteht in Helmstedt ein bemerkenswertes Gegenmodell – jenseits von Konzernstrategien und industriepolitischen Notfallplänen. Im aktuellen Report fällt übrigens auch wieder das Wort von einem „zukünftiges Börselisting“.

 

Im Zentrum steht eine ungewöhnliche Allianz: Ein Landwirt mit Kornmanufaktur, Schnapsbrennerei und Biogasanlage verbündet sich mit einem österreichischen Chemieunternehmer, der seit Jahren in der industriellen Gas- und CO-Wirtschaft tätig ist.

 

Vom Nebenprodukt zum industriellen Grundstoff

Was beide Partner verbindet, ist ein Rohstoff, der direkt vor Ort entsteht: Kohlensäure aus der Biogasanlage. Anstatt dieses CO₂ als unvermeidbares Nebenprodukt zu behandeln, wird es in Helmstedt abgeschieden, gereinigt und weiterverarbeitet. Auf dieser Basis entsteht eine Trockeneisproduktion im industriellen Maßstab, die nun in relevanten Mengen in den Markt gebracht wird.

Trockeneis ist ein zentraler Hilfs- und Prozessstoff für Logistik, Industrie, Kühlung und technische Anwendungen – bislang häufig abhängig von großen, zentralisierten Produktionsstätten. Das Helmstedter Modell setzt bewusst auf regionale Erzeugung, kurze Lieferketten und Versorgungssicherheit.

 

Industrielle Erfahrung in einer kapitalmarktorientierten Holding gebündelt

Der österreichische Partner bringt dabei nicht nur chemisch-technisches Know-how ein, sondern auch langjährige Industrieerfahrung, belastbare Kundenbeziehungen und operative Strukturen. Mehrere spezialisierte Gesellschaften sind unter dem Dach der FREISINGER Holding AG zusammengefasst – einer privat gehaltenen Aktiengesellschaft mit klaren Plänen für ein zukünftiges Börselisting.

Innerhalb dieser Holding werden unterschiedliche Kompetenzen gebündelt:
+ Industriegase und Trockeneisproduktion,
+ CO₂-Rückgewinnung und -Veredelung,
+ sowie biotechnologische Ansätze, unter anderem über Beteiligungen wie BCR Bio Carbon Refinery GmbH, die sich mit der stofflichen Nutzung biogenen Kohlenstoffs und neuen Verwertungswegen beschäftigen.

Der Ansatz ist bewusst ganzheitlich: Grundstoffe werden nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines industriellen Kreislaufs – von erneuerbarer Erzeugung über chemische Verarbeitung bis hin zur marktfähigen Anwendung.

 

Ein Kontrast zur großen Industriepolitik

Während andernorts noch darüber diskutiert wird, ob der Staat einspringen muss, um den Wegfall großer Chemieanlagen abzufedern, ist in Helmstedt bereits Produktionsrealität entstanden.

Nicht als Ersatz für einen globalen Chemiekonzern, sondern als funktionierendes, marktnahes Ergänzungsmodell. „Versorgungssicherheit entsteht nicht nur durch Größe, sondern durch Struktur“, heißt es aus dem Umfeld des Projekts. Die Verbindung von landwirtschaftlicher Energieerzeugung mit industriellem Chemie-Know-how ermögliche kurze Entscheidungswege, flexible Investitionen und eine schnelle Reaktion auf Marktnachfrage.

 

Ein Beispiel mit Signalwirkung

 

Das Projekt in Helmstedt zeigt, wie sich industrielle Resilienz auch abseits klassischer Großstandorte entwickeln kann: regional verankert, nachhaltig produziert und organisatorisch wie kapitalmarktorientiert strukturiert. In einer Phase, in der Europas Chemieindustrie vor grundlegenden Weichenstellungen steht, liefert Helmstedt damit weniger ein politisches Statement als eine praktische Antwort – und einen neuen Blick auf die Zukunft industrieller Grundstoffversorgung.